Auf die ökologische Verkehrswende setzen

Erschienen in der Publikation Strassenverkehr Schweiz, November 2016

Die Verkehrsperspektiven 2040 des Bundes zeichnen ein Bild der künftigen Mobilitätsentwicklung, das uns vor grosse Herausforderungen stellt. Die Zeichen stehen alle auf Wachstum: Bevölkerungswachstum, Wirtschaftswachstum, insbesondere in den Branchen des Dienstleistungssektors, zunehmende Urbanisierung, steigende Verkehrsleistung. Im Personenverkehr geht man von einer Verkehrszunahme von 25% bis im Jahr 2040 aus, beim Güterverkehr von 37%. Das ist beachtlich und erfordert andere Schlüsse als jenen, welche die zuständigen Bundesämter ziehen. Diese setzen weiterhin auf den Infrastrukturausbau alter Schule, der aber gerade dafür mitverantwortlich ist, dass wir heute derart horrende Verkehrswachstumszahlen vorweisen. Dies bringt uns früher oder später an den Rand des Verkehrskollapses. Soweit dürfen wir es nicht kommen lassen!

Bereits heute besetzt die Strasse einen Viertel der Siedlungsfläche der Schweiz. Wird wie geplant weitergebaut, kommt bis in zehn Jahren die Fläche der Stadt Zürich hinzu. Aber selbst das würde bei weitem nicht genügen, um das vom Bundesamt für Raumentwicklung ARE prognostizierte Verkehrswachstum aufzufangen. Um die künftige Nachfrage zu bewältigen, schlägt der Bund massive Ausbauten für den motorisierten Individualverkehr vor. Damit würde sich die Schweiz endgültig von den selbst gesetzten Klimazielen verabschieden. Mit der Energiestrategie 2050 hat das Parlament beschlossen, den Gesamtenergieverbrauch massiv zu reduzieren. Dies ist nur zu erreichen, wenn gleichzeitig zur Energiewende auch eine ökologische Verkehrswende angepackt wird. Denn der Verkehr hat einen Anteil von gut einem Drittel am Gesamtenergieverbrauch, rund 96% davon stammt aus fossilen Energiequellen.

Die Schweiz braucht klare Prioritäten in der Verkehrspolitik. Weil der öffentliche Verkehr sowie der Fuss- und Veloverkehr deutlich weniger Platz beanspruchen und zudem um ein Vielfaches umweltfreundlicher sind als der motorisierte Individualverkehr, muss vorab in diese Bereiche investiert werden. Insbesondere in den Städten und Agglomerationen ist es möglich, einen Grossteil aller Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln, dem Velo oder zu Fuss zurückzulegen. Gerade für den Freizeit- und Einkaufsverkehr ist dies zentral – und diese Wege nehmen gemäss Verkehrsperspektiven in nächster Zeit am stärksten zu. Damit dies gelingt, braucht es attraktive und sichere Velo- und Fusswege, die ein bequemes und schnelles Vorwärtskommen ermöglichen. Und es braucht ein öV-Angebot, das zu einem erschwinglichen Preis zuverlässig und mit einem hohen Takt funktioniert.

Weiter ist wichtig, die verschiedenen Angebote miteinander zu verknüpfen und auf Sharing-Plattformen zur Verfügung zu stellen, damit die Transportkette mit ökologischen Verkehrsmitteln wie Bahn, Tram und Velo so einfach wie möglich genutzt, gebucht und bezahlt werden kann. Die Digitalisierung spielt dieser Entwicklung in die Hände, doch von alleine wird das Verkehrssystem nicht in der nötigen Geschwindigkeit digitaler und multimodaler. Es braucht Taktgeber aus der Branche, aber auch aus der Politik, die mit Mut und Innovationen die Digitalisierung für die ökologische Verkehrswende fruchtbar machen. Das geht von selbstfahrenden Fahrzeugen über ein effektives elektronisches Ticketing hin zu diversen digitalen Mobilitätslösungen.

Gleichzeitig ist festzuhalten, dass die Herausforderungen im Bereich der Mobilität nicht einzig und alleine mit verkehrspolitischen Massnahmen zu bewältigen sind. Ebenso wichtig ist es, eine Siedlungspolitik zu verfolgen, die für genügenden bezahlbaren Wohnraum in Städten und Agglomerationen sorgt. Denn nur so ist es realistisch, dass die Wege dereinst wieder kürzer werden und Wohnen, Arbeit und Freizeit näher zusammenrücken. Zudem lohnt es sich, weitere Massnahmen wie flexible Arbeitszeitmodelle, Home Office oder angepasste Unterrichtszeiten zu fördern. Denn will die Schweiz auch künftigen Generationen einen hohen Lebensstandard mit Naturräumen und einer hohen Lebensqualität in Städten und Agglomerationen bieten, führt kein Weg an der ökologischen Verkehrswende vorbei. Nur wenn die Schweiz dies schafft, bleiben die Städte und Agglomerationen auch in Zukunft lebenswert.
 

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