Autofrei leben ist ein Lebensgefühl

Referat anlässlich der Generalversammlung des Club der Autofreien der Schweiz CAS, 6.5.2006

Vor 10 Jahren wurde ich 18. Wie alle meine Altersgenossinnen und Altersgenossen freute ich mich auf diesen Tag. Aber nicht weil ich dann den Lernfahrausweis beantragen, sondern weil ich endlich abstimmen und wählen konnte. Und ich habe mich damals entschieden, statt den Führerschein zu machen, der SP beizutreten. Autofahren hat mich nie fasziniert, die Politik hingegen schon. Und so ist es bis heute geblieben. Als Bewohnerin des urbanen – also des dicht besiedelten und erschlossenen städtischen - Raums verkehre ich mit dem öffentlichen Verkehr, dem Velo oder zu Fuss. Dem scheinbaren gesellschaftlichen Zwang zum Automobil trete ich mit einem Lebensstil entgegentreten, der auf zeitgemässe urbane Mobilität setzt. Das Auto will ich nicht verteufeln – für gewisse Transporte oder um den hintersten Winkel meines Kantons zu erreichen, kann das Auto richtig eingesetzt durchaus Sinn machen. Aber ich stelle fest: Kein Verkehrsmittel ist für den Stadt- und Agglomerationsverkehr so unangemessen und unbequem wie das Auto. In der Stadt Bern, wo ich wohne, leben rund 50% der Haushalte ohne Auto. Sie führen ein Leben jenseits des "Motorisierten Individualverkehrs" – teils aus finanziellen Zwängen, teils aus politischer Überzeugung, teils aus purer Bequemlichkeit. Denn vieles, was zum Alltag der Autofahrenden gehört, ist uns Autofreien lästig: Parkplatz suchen, im Stau stehen, Autoversicherung abschliessen, sich der Gefahr von Unfällen aussetzen etc.

Leben ohne Auto - für viele von uns ist dies eine Alltäglichkeit. Die meisten, denke ich, die hier heute sitzen, haben sich bewusst für ein autofreies oder autoloses Leben entschieden. Wer sich bewusst für ein autoloses Leben entscheidet, bei dem müssen was Wohnen und Arbeiten anbelangt wichtige Rahmenbedingungen gegeben sein:

Eine zentrale Frage ist die Wohnsituation: Liegt meine Wohnung im städtischen Raum einer Agglomeration, bestens erschlossen mit dem öV, ist der nächste Einkaufsladen in Gehdistanz um die Hausecke, ist das Nachtkino mit dem Velo oder dem Nachtbus problemlos zu erreichen? Oder erwache ich mit Kuhglocken und muss mangels Alternative jeden Morgen mit dem Auto Richtung Arbeit los brausen?

Und damit sind wir beim Arbeitsplatz: Ist der Arbeitsplatz nah und gut erschlossen, so dass ich mit dem öffentlichen Verkehr schnell und bequem dort hinkommen kann? Oder brauche ich ein Kombinationsmodell Velo/öV, das nicht nur an Regentagen anstrengend ist und viel Zeit verschlingt?

Ganz eng damit zusammen hängt die Qualität des öffentlichen Verkehrs. Es ist von entscheidender Bedeutung, ob ich gut an den öffentlichen Verkehr angebunden bin oder der Bus nur dreimal oder die Bahn nur zweimal am Tag verkehrt. Wenn ich mich als Politikerin für einen starken öffentlichen Verkehr einsetze, mache ich dies auch deshalb, weil ich angesichts der Verkehrswachstumsprognosen einen trümmligen Kopf krieg und weiss, dass die Verkehrswende weg von der totalen individuellen Automobilität längst nicht mehr nur umweltpolitisch motivierte Vision, sondern eine notwendige Überlebensstrategie einer immer mobileren Gesellschaft ist. Aufs erste Hinhören tönt das ziemlich ehrgeizig: Ich will einen echten Ausstieg aus der Autogesellschaft und der Massenmotorisierung. Hauptstützen der Mobilität sollen Trams, Busse und Bahnen, der Fussgängerverkehr sowie der Veloverkehr sein. Das Auto als individuelles Besitztum soll seine heute überstrapazierte Bedeutung weitgehend verlieren, CarSharing oder CarPooling sind die Stichworte der Zukunft. Um dies zu erreichen, braucht es eine radikale Umkehr in der Siedlungsentwicklung, welche zurück zur urbanen Tradition der kompakten Siedlungen finden muss. Das amerikanische Modell der zersiedelten Stadtlandschaft hat ausgedient und muss zu Gunsten der europäischen Stadt der kurzen Wege aufgegeben werden.

„Jetzt, wo das Auto immer umweltfreundlicher wird, musst du den Führerausweis doch endlich auch machen“, wird mir immer wieder gesagt. Klar, auch ich befürworte die Förderung von effizienten, verbrauchs- und emissionsarmen Fahrzeugen – sehr sogar. Entscheidend ist aber der Gesamteffekt in der weltweiten Fahrzeugflotte. Und da sind wir weit davon entfernt, dass die weltweiten Autoschadstoffemissionen abnehmen und der weltweite Benzinverbrauch durch Verkehr zurückgeht. Noch überkompensieren die stark wachsende Fahrzeugflotten und Fahrleistungen die Verbesserungen der Umwelttechnik. Das gilt schon für das eigene Land und erst recht global. Ich bin also nicht so schnell umzukriegen, denn meine Überzeugung für das autofreie Leben geht weit über die negativen Umwelt- und Klimawirkungen der Automobilität hinaus. Denn die Argumentation der energieeffizienteren und schadstoffärmeren Autos verkennt das Hauptproblem des Autoverkehrs in der engräumigen Schweiz, nämlich seinen Platzverbrauch. Selbst wenn alle Autos ohne Motor mit Tretantrieb auskämen - leise und sauber und mit Null-Verbrauch -, wären die Trottoirs weiter zugeparkt, die Staus endlos, die Landschaften zersiedelt. 

Als Städterin hätte ich leicht reden, wird mir oft gesagt. Die Zersiedelung sei nicht mehr rückgängig zu machen und in den ländlichen und suburbanen Siedlungsstrukturen sei Mobilität nur noch mit dem Auto möglich. Im Dorf, da laufe nix ohne Auto. Und deshalb seien alle Versuche einer Verkehrswende weg vom Auto letztlich zum Scheitern verurteilt. Aber: Mobilitätsanalysen widerlegen die Annahme besonders weiter Wege im ländlichen Raum. Die längsten Wege und Fahrten haben wir in den Ballungsräumen in ihrem suburbanen Umland. Dort leben die „Kilometerfresser”. 
Im ländlichen Raum hingegen haben wir in hohem Masse kurze Wege, weil die Kleinstädte und viele Dörfer zum Glück noch relativ kompakt sind. Die kurzen Wege sind auch im ländlichen Raum dominant. Auch im ländlichen Raum werden Autos primär eingesetzt, um kurze Wege zu bewältigen, die man genauso gut zu Fuss oder mit dem Velo machen könnte. Schon der Weg vom Dorfrand zum Laden oder zum Kindergarten oder zu Bekannten wird gewohnheitsgemäss mit dem Auto gemacht, zu Fuss geht man allenfalls am Wochenende für einen Spaziergang, aber auch dann fährt man am liebsten noch mit dem Auto bis zum Waldrand oder Bachufer. Das Auto wird in einem absurden Masse über die kurzen Distanzen eingesetzt. Jede dritte Autofahrt ist kürzer als ein Kilometer! Das hat sehr viel mit Bequemlichkeit zutun. Da ich nicht davon ausgehe, dass wir die Bequemlichkeit wegbringen, muss der öV den Menschen viel weiter entgegenkommen. Mehr Haltestellen, kurze Wege und das Gefühl, überall sei gleich um die Ecke ein Bus oder eine Bahn oder zumindest ein Auto einer Car-sharing-Organisation erreichbar.

Wenn wir also wollen, dass die Gemeinschaft der Autofreien grösser wird, müssen wir politisch dafür sorgen, dass die positiven Rahmenbedingungen fürs bequeme autofreie Leben für eine immer grösser werdende Anzahl Menschen gegeben sind. Das heisst mehr öV, verursachergerechte Preise oder eine Siedlungsstruktur und ein Städtebau, welcher sich nicht einseitig aufs Auto fokussiert. Um Mehrheiten für diese Anliegen zu finden, brauchen die Autofreien eine starke Lobby – den Club der Autofreien Schweiz. 

Wie gesagt, geht es mir nicht darum, das Auto zu verteufeln. Aber es ist unsere politische Pflicht zu prüfen, wann welches Verkehrsmittel die für die Gemeinschaft sinnvollste Wahl darstellt. Und wenn wir dies emotionslos tun, stellen wir rasch fest: Selten ist es das Auto.

Eingangs habe ich erwähnt, dass autofrei Leben auch viel mit Lifestyle zu tun hat. Dank meinem autofreien Leben komme ich im öV immer wieder in Kontakt zu anderen Menschen, mit denen ich sonst nie einen Austausch erleben würde. An öV-Haltestellen, in Zügen und Bussen oder auf meinen Auslandreisen komme ich immer wieder mit Menschen ins Gespräch und erfahre etwas aus ihrem Lebensalltag, was mir sonst fremd bleiben würde. Dank meinem autofreien Leben bin ich nicht nur frei, unterwegs Zeitungen und Bücher lesen zu können oder zu arbeiten, sondern auch ohne Fahrstress und Parkplatzsuche aus dem Fenster schauen zu können und zuzusehen wie sich die Landschaften verändern, die Häuser, die Farben. Wer autofrei lebt, hat einen Mehrwert an Begegnungen, an produktiver Zeit während der Fahrt und verbraucht weniger öffentlichen Raum und schont erst noch die knappen Ressourcen Luft und fossile Brennstoffe. Die Autofreien sind also nicht die Aussenseiter der Gesellschaft, sondern die Avantgarde der modernen mobilen Gesellschaft.

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